Rocco und das ewige Klischee
- Rocco
- 20. Okt.
- 5 Min. Lesezeit

Als süditalienischer, weißer Hetero-Mann ,wie ich es bin, – extrem sexy, unfassbar erfolgreich, charmant und eloquent und hart wie ein Stein – ist man ja so einigen Klischees unterworfen.Macho. Chauvinist. Herzensbrecher. Ultra-cooler Typ mit Sonnenbrille und Espresso in der Hand
Und glaubt mir: Ich wollte all das sein. Genau SoHart. Unnahbar. Abgebrüht. Der, der über Herzschmerz lacht und niemals schwach wird.
Doch leider – oder zum Glück – hat das, was wir sein wollen, oft wenig mit dem zu tun, was wir wirklich sind.Vor allem, wenn es um unser tiefstes Ich geht.Unser emotionales Wesen. Unsere Sehnsucht.Vielleicht verstellen wir uns zu oft.Leben lieber im Zwiespalt, als der Welt unsere verletzliche Seite zu zeigen – nur um nicht angreifbar sein.
Dabei bin ich – glaubt es oder nicht – tatsächlich ziemlich sensibel.
Zum Beispiel, wenn ich morgens aufstehe – noch im Halbschlaf – und feststelle, dass aus irgendeinem teuflischen Akt der Grausamkeit einer höheren Macht kein Kaffee im Haus ist.
Oder, noch schlimmer: Der Kaffee ist da, aber die Maschine verweigert ihren Dienst.Dann bin ich innerlich kurz davor, die Existenz Gottes zu hinterfragen.
Und so gibt es einige Situationen, bei denen ich völlig die Fassung verliere und mir schlagartig die Tränen in die Augen schießen.
Oder beim Essen.Wenn ich auswärts esse – und Mann oder Frau kredenzt mir Pasta.
Mir!!
Mir Pasta mit Tomatensauce zu servieren – da musst du schon mutig, selbstbewusst, gut oder einfach nur unfassbar selbstherrlich und dämlich sein.
Ich meine … hab ich schon erwähnt, dass ich kochen kann?Nicht nur, weil ich jahrelang beruflich gekocht habe, sondern weil ich schon als Kind gelernt habe, Tomaten auszuwählen, zu putzen, zu kochen, zu schälen und einzukochen – um daraus eine vernünftige Sauce zu machen.Für die Hipster: Sugo.
Was soll ich denn sagen, wenn da matschige, totgekochte Nudeln in roter Tunke schwimmen?
Und dann sitze ich da – vor einem Teller, der die italienische Lebenskultur und Kulinarik wie nichts anderes auf der Welt repräsentiert und jemand lächelt stolz und wartet auf Bestätigung.
„Hmmm. Lecker, so schön weich. Und was ist das für eine Sauce?“
„Italienisch, oder? Schmeckt bestimmt wie bei Mamma.“„Ja klar, genau. Ähhm … ich weiß ja nicht.“
Und was ist das?Ein Schuss Ketchup in der Sauce?
Wow. Clever. Geiler move, den kannte ich noch nicht
„Das hat Nonna sicher auch so gemacht.“ - Der Gipfel an Frevel und Überheblichkeit.
„Nein“, sagte ich. „Meine Großmutter steht schon um fünf Uhr morgens auf, um die Sauce anzusetzen. Aus den Tomaten, die wir einmal im Sommer zu Pelati und Passata einkochen.“
Aber Ketchup. Ist interessant.
Ist das Kunst?
Oder kann man das essen? fragte ich mich.
Ich habe früh gelernt: Der Satz „Bei Mutti schmeckt’s am besten“ gilt nicht für alle.
Ich sag’s ehrlich: Da bin ich emotional sehr instabil, angreifbar und, dünnhäutig. Da kommen mir die Tränen.
Dosenravioli. Toast Hawaii. Ananas auf einer Pizza? Und Mamma Miracoli. Der Gipfel der ItaloFoodwelle in den 90ern.
Und heute haben sie Angst um ihr Abendland und kultureller Entfremdung?? WTF.
Allein der Gedanke daran ist ein emotionaler Angriff auf meine kulturelle DNA.Ahhhh wa! Scheiß auf Kultur, das ist meine Identität. Das Fundament meines Lebens. Und die haut Ketchup in eine Instantsauce und will gelobt werden???
(Folgender Absatz wurde nachträglich eingefügt! Warum?? Weil meine Lebensgefährtin beim Korrekturlesen der Meinung war, dass diese Begebenheit auf sie projiziert werden könnte und mich mittels koitaler Verweigerungshaltung quasi zur Klarstellung gezwungen hat.)
- Gut, dass ich erst neun und schüchtern war. Hätte ich damals nur die Hälfte meiner Gedanken laut ausgesprochen, hätte die arme Frau wahrscheinlich nie wieder einen Kochlöffel auch nur angesehen. Aber hey. Ihre Schnitzel waren perfekt.
(Alter; Ernsthaft!!! Jetzt wisst ihr, wie nachhaltig schlechte Küche ein Leben ruinieren kann. Da bekommst du einen scheiß Teller „Pasta“ vorgesetzt, machst gute Miene, und 38 Jahre später bekommst du deshalb Stress mit deiner Alten die sich anscheinend wiederfindet und dir ein Sex-Stop-Schild vor den Kopf hämmert)
Das kommt dabei raus wenn man sich verstellt!
Und ganz schlimm wird’s, wenn Freund:innen ihre neue liebe zur „Kunst“ präsentieren – ein abstraktes Gemälde oder, noch schlimmer, ihr neu entdecktes musikalisches Talent.
Da bin ich ultrasensibel.Ich fühle Dinge. Schmerz. Fremdscham. Existenzielle Verzweiflung.
Oder – und das ist fast noch schlimmer – wenn man versucht, meine Muttersprache zu sprechen.Wieso?
Es schmerzt.Nicht falsch verstehen: Wenn man nicht anders kann, ist jedes Mittel zur Kommunikation recht. Ich verständige mich auch mit Händen und Füßen wenn es sein muss, kein Problem.Aber warum, um Himmels willen, muss man die Sprache des Gegenübers förmlich vergewaltigen?
(Vor einigen Jahren) In meinem Laden sagte ich zu einer netten Dame:„Signora, wenn Sie auf Deutsch mit mir sprechen, verstehe ich Sie auch. Dann müssen Sie auch nicht so zwanghaft nach den richtigen italienischen Worten suchen.“
Daraufhin blickte sie mich empört an:„Ah, Sie verstehen also gar kein Italienisch?“
Ich lächelte.„Doch, Signora. Aber leider nicht Ihr Italienisch.“
Manchmal frage ich mich, ob das Arroganz ist oder einfach nur Selbstschutz.Vielleicht beides.
Denn ja – man sieht in mir oft nur den coolen, harten Clubbetreiber mit philosophischen Adern.Aber da steckt mehr dahinter.Ich liebe Gutes und Schönes.Ich bin ein liebevoller Vater.Ein loyaler Freund.Nachdenklich. Manchmal schüchtern. Oft bescheiden. Sehr bescheiden.
Klar, der erste Eindruck ist ein anderer:Harter Clubbetreiber. Unfassbar Sexy. Strahlend blaue Augen. Hemd auf Halbmast.Eine Ausstrahlung wie der Coca-Cola-Light-Typ – (wir alle haben ihn gehasst).Und ja – ein verdammt guter Liebhaber. Richtig gut. Einfühlsam zärtlich aber bestimmend, zurückhaltend aber sehr eindringlich. (hatte ich schon erwähnt daß ich bescheiden bin?)
Aber hinter all dem steckt ein Mann, der Kultur ernst nimmt, dem Kultur wichtig ist:einen guten Espresso in der Früh. Pasta. Ein lockerer Plausch mit Freunden. Ein Lächelndes Wesen. Das alles ist Lebenskultur, Ars Vivendi - Mein kulturelles Erbe.
Kann ich in Zeiten der woken Gesellschaft all diejenigen der kulturellen Aneignung verklagen, die mir im Laufe meines Lebens Schmerzen bereitet haben?
Ja, ich mag die genetische Basis des Sexiest Man Alive sein. Aber ich habe doch emotionale Grenzen – und so habe ich mir für mich und um mich herum ein Refugium der Sicherheit erschaffen.
Einen Ort, an dem die Menschen Nett sind, gut drauf, sexy. Ein Ort, an dem mir kein fremder was kochen kann und wo die Drinks schmecken.
Wo es keine interkulturellen Barrieren, sondern nur Austausch gibt.Wo Körpersprache die Ausdrucksform ist, über die alle kommunizieren.Wo eine Aneinanderreihung von O’s, H’s und A’s am Ende der Konversation das Wort „Oh Gott“ ergeben, das gleichbedeutend mit „Danke, Rocco“ ist.
Das, meine Lieben, ist Le Swing.
Ein Zuhause.
Besucht uns bei unserer Follower Party am 01 01. Nov



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