Rocco - Einfach anonym
- Rocco
- 6. Mai
- 6 Min. Lesezeit
Rocco – Einfach anonym
Neulich beim Rauchen habe ich mich mit zwei jungen Männern unterhalten. Es ging – wie so oft – um Sexualität, Lust und darum, was einem eigentlich wirklich etwas gibt.
Um es kurz zu machen:Beide waren sich einig, dass es ihnen mehr bedeutet, wenn sie einen Partnerin erobern. Sie brauchen eine gewisse Sympathie, ein Spiel, ein gegenseitiges Wollen. Dieses Gefühl, nicht einfach nur verfügbar zu sein.
Früher hat man gesagt:jemanden aufreißen statt Resterampe abräumen.
Und sie haben ziemlich klar formuliert, dass sie nicht darauf reduziert werden wollen – auf ihren Schwanz.
Und ganz ehrlich: Ich bin da komplett bei ihnen.
Ich denke, dass die bloße Verfügbarkeit von Sexualpartnern dem Sex vielleicht irgendwann die Spannung nimmt.
Natürlich bleiben Erfahrungen.
Natürlich bleiben Erinnerungen.
Aber wenn man eine gewisse Routine entwickelt hat, wenn man vieles erlebt hat – geht dann nicht irgendwann der Reiz verloren?
Braucht man dann mehr als einfach nur einen zur Kopulation bereiten Partner*in?Jemanden, mit dem man in einer gewissen Anonymität einfach Sex hat?
Klar, Sex funktioniert.Und ja, vielleicht gibt es auch einen Orgasmus.
Aber wirklich Befriedigung?
Oft eher nicht.
Die Frage, die sich mir stellt, ist:Liegt das an der relativ einfachen Verfügbarkeit?Oder an der Anonymität?
Wahrscheinlich ist es die Kombination aus beidem.
Vielleicht ist es genau diese Einfachheit, die auch in vielen Beziehungen dazu führt, dass das Liebesleben irgendwann nachlässt.
Dieses Gefühl von:„Ich könnte ja jederzeit… aber ich bin müde.“
Der Reiz fehlt. Die Herausforderung fehlt.Und ja – vielleicht ist das am Ende auch ein Stück weit das Ego das nicht mehr getriggert wird.
Denn ein aufregendes, spannendes Intimleben über viele Jahre aufrechtzuerhalten, passiert nicht einfach so.
Das braucht Kreativität.Einfallsreichtum.Mut.
Rollenspiele.Abenteuer.Gemeinsame Fantasien.
Gemeinsame Fetische.
Einen gemeinsamen Kick.
Und dann ist da die Anonymität.
Ganz ehrlich:Da ist oft kein wirklicher Kick.
In einer normalen Bar ein mieses Date zu sprengen und jemanden auszuspannen – das ist ein Kick.
Die Firmenchefin bei der Weihnachtsfeier ihres Unternehmens.
Die Frau des CEOs während einer Party in seinem Büro.
Grenzwertig. Riskant. Aufgeladen.
Aber nicht anonym. Und schon gar nicht einfach.
Einfach nur ohne große Sympathie miteinander zu schlafen, mag für ein paar Mal spannend sein.
Aber irgendwann verliert das Ganze an Substanz.
Weil in dieser Anonymität die Empathie für den jeweiligen Partner ziemlich begrenzt ist.
Und ohne Empathie wird Sex… flach. Leer
Um die ein oder andere perverse Fantasie auszuleben, sind solche Begegnungen perfekt.Keine Frage.
Aber irgendwann merkt man, dass Fantasiebefriedigung und reine körperliche Befriedigung nicht mehr ausreichen.
Zum einen, weil sich viele Dinge in der Realität anders anfühlen als in der Fantasie.Zum anderen, weil auch die körperliche Befriedigung irgendwann nicht mehr wirklich befriedigend ist.
Naja… als Typ kannst du zwar ejakulieren.Aber in dieser Anonymität ist es oft maximal ein bisschen besser als Masturbation.
Ich sagte den Jungs dann:
Erobern ist ein bisschen mehr als nett lächeln, provokativ seinen Dödel knautschen und fragen: „Na, wie sieht’s aus?“
Denn genau damit reduziert ihr euch selbst.
Auf euren Schwanz.
Und damit sind wir beim nächsten Punkt:
Die Anonymität (im Nezt).
Sich hinter einem Pseudonym verstecken und willkürlich Frauen und Paare mit irgendwelchen kruden, perversen Fantasien vollzumüllen.Mit Forderungen, Erwartungen, teilweise sogar Beleidigungen.
Ist ziemlich feig.
Meine Befürchtung ist:Wenn das in der virtuellen Welt normalisiert wird, überträgt sich dieses Verhalten irgendwann in die Realität.
Und Frauen werden in öffentlichen Kommentaren herablassend und abwertend als „Ihr Weiber“ bezeichnet. Weil eine Dame mal wohl dringend musste.
Natürlich gabs gleich Aufregung. Aber nur von Frauen. Ein Kommentar oder eine Stellungnahme von den hauptverantwortlichen? Fehlanzeige.
Ich bin der Meinung, dass selbst auf Dating- oder Swinger-Plattformen eine gewisse sozial-gesellschaftliche Etikette gewahrt werden sollte.
Nur weil Menschen aufgeschlossen sind, heißt das nicht, dass sie sich exhibitionieren, prostituieren oder von jedem dahergelaufenen Pornojunkie nageln lassen wollen.
Oder sich beleidigen lassen.
Was in der realen Welt oft eine Watschn oder zumindest klare Empörung auslösen würde,bleibt online oft einfach unkommentiert.
Und genau das schadet.
Dem Ansehen der sexpositiven Szene.Und vor allem den Jungs, die in Ordnung sind.
Ich ertappe mich selbst immer häufiger dabei, dass ich männlichen Profilen gegenüber voreingenommen bin.
Nicht aus Penisneid – den Vergleich gewinne ich im Zweifel sogar gegen Gott.
Aber ernsthaft:Die ganzen Trolle und Vollpfosten, die im Netz ungezügelt ihren Müll verbreiten,schaden denen, die wirklich in Ordnung sind.
Wenn ein Paar oder eine junge Frau den Schritt macht, in diese Szene reinzuschnuppern, werden sie oft direkt bombardiert.
Mit Porno-Bullshit
Das ist abschreckend.
Es erzeugt ein komplett falsches Bild von unserer Welt.
Mich würde wirklich interessieren, ob sich das Verhalten ändern würde,wenn diese Leute auf einmal greifbar wären.
Wenn sie für das, was sie schreiben, geradestehen müssten.
Ob manche Konversationen dann immer noch so wären wie die folgenden Beispiele
Diese Klassiker:
Ein Typ schreibt dir seine Arschloch-Fantasie, wie er seine Frau betrügen will,sie mit dem Kleinkind zuhause lässtund dich im Hotel durchnudeln möchte. Natürlich ist er der Boss in der Kiste. Und du willen -und wehrlos.
Du sagst ihm, dass das ziemlich scheiße ist.Dass er sich wie ein Arschloch verhält.Und dass er offensichtlich auch nicht der Hellste ist.
Und wer ist der Böse?
Natürlich du.
Wegen Beleidigung.
Oder die 50-Jährigen, die 20-Jährige mit ihren Fantasien vollmüllen,obwohl im Profil ganz klar steht, dass kein Interesse besteht.
Und wenn man ihnen erklärt, dass Lesen bildet,und sie ihre Neigungen vielleicht eher in einer Therapiesitzung aufarbeiten sollten…
Dann ist man wieder der Buhmann.
Und natürlich. Die Fragen der Fragen
Stehst du auf Gangbang?
Auf große Schwänze?
Dreier?
Wenn man dann antwortet wie ein (aus meiner subjektiven Sicht) normaler Mensch:
Gangbang? Ja klar voll gerne. Ich hab viele schwule freunde und du hast einen tollen Body. Ich hoffe du stehst auch auf große Schwänze. Lass uns treffen. Und wir ficken dir den Restlichen grauweißen Glibber aus dem Kopf. „Grinsesmily“.
Ist man blöd, fies, pervers, dumm, alles.
Große Schwänze? Bitte immer her damit. Gott sei Dank. Denn ich habe ein Loch wie ein Putzeimer nach der Geburt meiner Zwillinge. Und wehe du lügst mich an.
Dann ist man widerlich? Echt jetzt?
Dreier?? Super. Ihr fickt euch gegenseitig und ich ramme euch meine Strapons bis zum Anschlag in eure Kehlen. Ich steh drauf Brechreiz. daumenhoch grinsesmily
Das ist pervers und krank. Aha.
Aber.. es geht weiter.
Diesmal bei ihm zuhause gefesselt. Nackt und penetrativ beglückt von Mr.Big.
Wie aufregend es wäre, wenn man dann mitbekommt, wie die Gattin heimkommt und sie du völlig wehrlos inflagranti mit ihrem Mann erwischt wirst.
Spontane Antwort.
Voll gerne und dann hole ich eine Flasche Champagner, eine Tüte Chips und sehe genüsslich dabei zu wie dich deine Frau verprügelt, dich ans Bett kettet und dir dein beschissenes Teil abschneidet.
Und dann stoßen wir Mädels an und essen Chips, während wir den Hund auf der Straße feiern, der dein Skrotum frisst, während du elendig leidest.
Hat dem Typ nicht gefallen.
War ziemlich aggressiv.
KLAR aber mich ans Bett fesseln schlagen misshandeln und trocken ficken ist ok oder was.
Also mal ein Vorschlag:
Was wäre, wenn man Anonymität dort aufhebt,wo es um Beleidigung, Belästigung oder Nötigung geht?
Wenn solche Dinge Konsequenzen hätten?
Wenn Verhalten sichtbar wäre?
Wie wäre es, wenn man Gäste oder Profile bewerten oder kommentieren könnte?
Z.B:
Macht ständig Dates aus, erscheint nie.
Ist kein Paar sondern nur ein armseliger typ.
Belästigt eine nach der anderen.Masturbiert vor verschlossener Glastür.Stinkt.Hat im Vorfeld Gäste auf der Liste belästigt und beleidigt.
Wie wäre es, wenn solches Verhalten nicht totgeschwiegen wird?
Wenn es – gerade unter Männern – klar verurteilt wird?
Wenn einer meiner Kumpel sich so verhält,dann fliegt er.
Und zwar genauso schnell – oder schneller – als jeder andere.
Anonymität hat nichts mit freier Meinungsäußerung zu tun.
Gar nichts.
Meinung? Darf man jederzeit sagen. solange man dazu steht.
Denn ich denke es ist fundamental wichtig zu wissen, woher eine Meinung kommt, wenn man sie einordnen will.
Wenn ich groß ankündige, eine fette Sommerpoolparty zu schmeißenund am Ende steht da ein Kinderplanschbecken mit zwei Wassereimern…
Bleibt das auch nicht unkommentiert.
Dann gibt’s Reaktionen.
Und zwar zu Recht.
Unterm Strich:
Ja, anonyme Begegnungen können prickelnd sein.Spannend. Reizvoll.
Aber, man hat ziemlich schnell keinen Bock mehr.
Liebe Leute, Frauen, Männer, Paare
ich weiß, die, die es wirklich betrifft, lesen das hier vermutlich sowieso nicht. Trotzdem:
Der Grundsatz bleibt – auch in der Anonymität:Wer ficken will, muss lieb sein.
Wenn ihr Männer nicht nur auf euren Schwanz reduziert werden wollt, dann steht für euch ein. Für respektvolles Verhalten gegenüber Paaren und Frauen. Seid sichtbar.
Und wenn ihr abfällige oder abwertende Kommentare und Bemerkungen mitbekommt, dann sagt etwas. Denn was stillschweigend hingenommen wird, bleibt hingenommen.
Schaut nicht weg. Denn genau solche Verhaltensweisen liefern denen, die unserem Lebensstil mit konservativer Verachtung gegenüberstehen, nur zusätzliches Futter.
Es gibt eine gewisse Verantwortung, auch in enthemmten Räumen – denn Freiheit ohne Haltung verflacht schnell.– Einfach anonym



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